Sechzig Meter hoch. Jeder Buchstabe achtundzwanzig Meter groß. Der einzelne Strich drei Meter breit. Grellfeuerrot. WIR WISSEN NICHT... Die Menge steht unten, staut sich, staunt. Was bedeutet: WIR WISSEN NICHT? Kein Name, keine Ware, kein Theaterstück, weder eine Zigarette noch eine Schuhwichse ist damit gemeint. WIR WISSEN NICHT, das gibt zu denken und zu träumen. Männer bleiben mitten im Wagentrubel stehen und lassen sich sinnend überfahren. Gelehrte ziehen ihr Notizbuch und berechnen etwas. Frauen, erschüttert von diesem Ursatz, werfen sich an die Brust unbekannter Männer, bitten sie um Schutz und küssen sie wild...“
Als spektakuläre Aktion eines Einzelgängers beschrieb der französische Romancier Iwan Goll in seinem Großstadtroman Die Eurokokke das Ende der Erkenntnis. Ein namenloser Menschenfreund hatte im Zentrum von Paris ein überdimensionales Plakat anbringen lassen, bei dem es sich statistischen Forschungen zufolge angeblich um die größte Leuchtreklame von Europa sein handeln sollte. In Abhebung zu den anderen öffentlichen Werbeflächen der Metropole, an denen marktschreierisch die „Illusionen der Kultur“ angepriesen wurden, beschränkte der Anonymus seine Botschaft jedoch auf einen Dreiwortsatz: WIR WISSEN NICHT. Die Reaktionen auf sein nihilistisches Minimanifest fielen nicht nur bei dem umher flanierenden Massenpublikum drastisch aus. Mit seiner Verzweiflungstat hatte sich der Initiator selbst in den finanziellen Ruin getrieben; fortan musste er als Zeitungsverkäufer seinen Lebensunterhalt verdienen und, wie die Geschichte weiter erzählt, eben jene Unwahrheiten kolportieren, „gegen die er mit seinem Plakat kämpfen wollte.
Heute wissen wir: Der Kampf ist längst verloren. Im Rückblick erscheint das skizzierte Schreckenszenario, das bereits im Jahre 1927 publiziert wurde, wie ein bitteres Fanal eines surrealistischen Schriftstellers, in dem sich ein Individuum in einem letztem verzweifelten Aufschrei einer Warenwelt zu erwehren versucht, deren verheißende Werbebotschaften längst Teil unseres kollektiven Seins und Bewusstseins geworden sind. WIR HABEN VERSTANDEN, mögen wir denn auch reflexartig entgegnen und zugleich einen der erfolgreichsten Slogans rezitieren, der in den 1990er Jahren in Deutschland für den Automobilkonzern Opel entwickelt wurde und hierzulande noch stets in den Köpfen spukt. Auch der optische Gigantismus der Plakatfläche und deren zentrale Platzierung im Stadtraum entsprechen heute wohl weniger dystopischen Endzeitvisionen als vielmehr den vorherrschenden Marktstrategien, mit denen zu Beginn des 21. Jahrhunderts im Großflächenplakat der Machtanspruch globaler Konzerne in die Innenstädte getragen wird. Zweifellos ist Iwan Golls denkwürdige Fiktion längst von der Wirklichkeit überholt worden. Dennoch kann man trefflich darüber räsonieren, inwieweit die Aussage WIR WISSEN NICHT nicht nur für erkenntnistheoretische und systemkritische Fragestellungen von Belang ist, sondern auch konkret auf dasjenige Medium bezogen werden kann, das diese Behauptung so wirkungsvoll zu transportieren vermag. Mit anderen Worten: Was wissen wir tatsächlich über das Großflächenplakat, über jenes optische Werbemittel, das als einziges Bildmedium in den öffentlichen Raum vorgedrungen ist?
Textauszug
© Christoph Schaden 2009

