Olaf Otto Becker

Ein Meer von tausend Augen

Zu den fotografischen Grönlandexpeditionen von Olaf Otto Becker


Am 23. September 2008 berichtete die tageszeitung von einem höchst dramatischen Naturphänomen in der arktischen Zone, für das erst vor kurzem von wissenschaftlicher Seite eine plausible Begründung gefunden werden konnte. Als Grundlage des Berichts, der mit der Überschrift „Grauer Schleier über Grönland“ versehen war, diente die irritierende Beobachtung, dass die Oberfläche der grönländischen Landmasse nicht mehr durchgehend von jenem allumfassenden Weißton des Schnees und Festlandeises dominiert wird, der seit Jahrhunderten das kollektive Bild der Arktis prägt. Vielmehr haben sich nach Einschätzung eines norwegischen Gletscherforschers Carl Egede Bøggild unzählige Kohlenstoffpartikel, die zum Großteil aus ungefilterten Kohlekraftwerken aus China stammten, auf die Oberfläche der Eismassen abgelegt. Hierbei handele es sich um einen „schwarzen Fingerabdruck“ mit fatalen Folgen, weil der entstandene Grauton das Sonnenlicht verstärkt absorbiert. Letztlich führt diese Entwicklung wiederum zu einer potenzierten Erwärmung und Abschmelzung des Eises.[i]

Nicht nur das skizzierte Schreckensszenario blieb befremdlich. Der Bericht wurde von einer Schwarzweißaufnahme flankiert, die offenkundig zur Kommentierung des dramatischen Vorgangs dienen sollte. Als Beleg im Sinne eines „documentum“ - eines visuellen Beweismittels - war die Schwarzweißfotografie indes nur wenig geeignet. Sie zeigte nämlich ein menschliches Paar in Bikini und Badehose (!), das leger sitzend und in kontemplativer Manier auf eine weit entfernte arktische Küstenszenerie blickt. Erst der Untertitel klärte die Leserschaft auf, mit welchem Motiv man es zu tun hatte. „Nicht immer ist der Klimawandel an allem schuld“, hieß es, und weiter: „Umweltschützer beim Protest im ewigen Eis“.

Auf idealtypische Weise vereint der Zeitungsartikel wohl die Parameter, die in den letzten Jahren die kollektive Sicht auf den arktischen Subkontinent entscheidend verändert haben: Von einer lebensbedrohlichen zu einer selbst hochgradig gefährdeten Klimazone etwa, die wiederum längst von den Auswirkungen einer unumkehrbaren Erderwärmung geprägt ist. Oder vom stereotypen Bild einer weitgehend weißen und endlosen Landschaft, das noch von der Vorstellung eines „ewigen Eises“ gezeichnet ist, zu einer verschmutzten Restnatur, in der ein schwarzer Fingerabdruck sichtbar geworden ist, der emblematisch von den zivilisatorischen Fehlentwicklungen der Gegenwart Zeugnis ablegt. Und nicht zuletzt vom Dilemma eben des Wissens darum und seinem Spannungsverhältnis zu dem inneren Vorstellungsbild der Arktis, das sich immer noch vehement weigert, gegebene Realitäten anzuerkennen. Das zynische Credo des Pressebildes bringt diesen Konflikt nur allzu deutlich auf den Punkt: Ziehe dir die Badehose an, postuliert die Fotografie, entspanne dich und schau dir die schrecklich schöne Szenerie aus der Ferne an!

Wie warm beziehungsweise kalt ist es derzeit in Grönland? Wird die Landschaft dort mittlerweile tatsächlich von mehr Grau- als Weißtönen dominiert? Wie kann man sich den Prozess der Abschmelzung vorstellen? Ist ein solch gigantischer Schmelzprozess überhaupt vorstellbar? Wie sieht es vor Ort eigentlich konkret aus? Es liegt nahe, dass es sich bei dem Drang nach Vergewisserung im Sinne einer physisch erlebten und visuell fassbaren Erfahrung um das eigentliche Movens handelt, das gegenwärtig Künstler verstärkt in die peripheren Regionen der (Sub-)Arktis treibt.[ii] Mit ihm verbunden sind stets eine Rückverankerung im Subjekt und das Streben, unsere traditionell vermittelten bildhaften Vorstellungen zu aktualisieren und gegebenenfalls zu korrigieren.[iii]

Broken Line

Für den Fotokünstler Olaf Otto Becker, der in München lebt, wurde das Studium einer Landkarte zum eigentlichen Ausgangspunkt einer Erkundung der Westküste Grönlands, die ihn in drei Expeditionen in den Jahren 2003 bis 2006 immer weiter in die arktische Zone vordringen ließ. Einmal mehr war eine Wahrnehmungsirritation ausschlaggebend. Auf einer Karte im Maßstab 1:250 000 000, die die Landmasse von Grönland wie eine gigantische Lingua geographica verzeichnete, erkannte Becker zu seinem Erstaunen, dass keine einzige Landstraße verzeichnet war. Konnte man sich in den besiedelten Küstenregionen der Eisinsel ausschließlich zu Wasser nach Norden bewegen? Für den Fotografen, der mit den naturhaften Gegebenheiten des Nordens bereits vertraut war – unter anderem hatte er 2005 einen Bildband über Island publiziert[iv] – war die Frage Initialzündung genug, um ein Zodiac-Schlauchboot nach Ilulissat zu verschiffen. Dort ließ er sich von einem Inuit einweisen um zu erfahren, wie auf dem Wasserweg ein gefahrloses Fortkommen gelingen könnte. Becker erlernte, dass nur im Schritttempo eine gefahrlose Verdrängung des Treibeises möglich war. So wurde ausgerechnet das Moment einer erzwungenen Langsamkeit zum dominierenden Leitmotiv einer Einzelexpedition in den Norden.

Seit der Polarexpedition des US-Amerikaners Elisha Kent Kane in den Jahren 1853 bis 1855, die geprägt war von dem Streben, ein der Legende zufolge „offenes Polarmeer“ ausfindig zu machen, auf dem man schließlich den Nordpol erreichen wollte, hat sich die westgrönländische Passage entlang der Davis-Straße über die Melville-Bucht und die Buffin- Bay hin zum Smith-Sund zum primären Erkundungsweg in den arktischen Norden etabliert. Das abenteuerliche Unterfangen Beckers ist in dieser Hinsicht sicher als ein intendierter Anachronismus zu werten. Denn bereits Kane hatte in New York eine Daguerreotypieausrüstung erworben, um seinen Landsleuten visuelle Beweismittel seiner Schiffsexpedition und der eindrucksvollen arktischen Lebenswelt vorlegen zu können.[v]  Unter dem Titel The Arctic Regions: Illustrated with Photographs Taken of an Art Expedition to Greenland hatte William Bradford im Jahre 1873 bereits einen Bildband veröffentlicht, der mit 141 Aufnahmen der Fotografen John Dunmore und George Critcherson aufwartete, zwei Mitarbeitern des renommierten Bostoner Fotostudios Whipple and Back. Bei der Publikation handelt es sich um „eines der prächtigsten Fotobücher des 19. Jahrhunderts“, das die kollektive bildhafte Vorstellung über „die Ausmaße als auch die wilde Erhabenheit der grönländischen Landschaft sowie der harten Bedingungen der Reise[vi] entscheidend prägen sollte.

Olaf Otto Becker war sich wohl bewusst, dass er sich auf einer überaus traditionsreichen Bildfolie der Polarfotografie fortbewegen würde, als er sich im Sommer 2003 aufmachte, die bereits vor Jahrzehnten exakt kartografisch erfasste und erforschte Küstenregion Westgrönlands fotografisch zu erkunden. In seiner künstlerischen Disposition bedeutete die Einzelexpedition einen subjektiven Erfahrungsabgleich, der den realen Bedingungen vor Ort Rechnung zu tragen hatte. Diese Bedingungen waren nicht selten lebensgefährlich, zumal sie einmal mehr mit Wahrnehmungsirritationen verbunden waren. Entlang der Eisfjorde und kalbenden Gletscher konnte etwa die Wasseroberfläche in Minutenschnelle gefrieren, sodass eine Umkehr unmöglich war. Die räumliche Orientierung wurde erschwert durch ein eisenhaltiges Gestein, das die Kompassnadel um bis zu 30° abweichen lassen konnte. Da die Sonne in der weitgehend menschenleeren Küstenregion nicht mehr dem gewohnten Rhythmus von Tag und Nacht folgte, war auch eine zeitliche Orientierung nicht gegeben. Folglich bildete ein hoher Grad existentieller Verunsicherung und Gefährdung das Setting einer bildkünstlerischen Auseinandersetzung, die Becker über 4.000 Kilometer Wegstrecke nordwärts schließlich fast zum 75. Breitengrad führte.

Der englische Fotohistoriker Gerry Badger bezeichnet das Resultat von Beckers Erkundung, die 2007 in Buchform unter dem emblematischen Titel Broken Line erschienen ist, als eine „lyrische“ oder „poetische“ Dokumentation.[vii] Vordergründig lösen die zumeist pastell- und mintfarbenen Naturaufnahmen in ihrem ungemein hohen ästhetischen Gehalt die Seherwartungen ein, die in der Tradition der großen stillen Bilder, wie sie die deutsche Romantik geradezu gefeiert hat, mit dem Konzept einer sublimen Natur verbunden sind. Das Schöne wie das Erhabene ist den Fotografien sichtbar eigen. Allerdings rekurriert diese Einbettung, wie Becker einmal erläutert hat, bereits auf einer antikischen Auffassung, die sich in dem griechischen Begriff „automatos“ spiegelt. Der Begriff beschreibt ein Bewegungsmoment des „Aus-sich-selbst-heraus“, das selbst dann noch funktioniert, wenn der Mensch anwesend ist. Denn schließlich, so Becker, schafft erst „die Landschaft die Grundlage dafür, was der Mensch wiederum aus der Landschaft[viii] macht. In der wörtlichen Bedeutung eines Dokuments, das sichtbar Zeugnis abzulegen hat, mag man zu Recht unterstellen, dass nach künstlerischer Intention die Wahrheit noch im Bild verortet werden will. Nicht zufällig werden die Naturaufnahmen kontrastiert von Bildern der ärmlichen Inuitbehausungen, die ohne Verklärung von den aufwändigen Überlebensstrategien inmitten der lebensfeindlichen Landschaft erzählen.

So liegt für Becker, wie Freddy Langer in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung treffend konstatiert, „nichts ferner als der Geist der Romantik, dem der gefrorene Irrsinn des Nordens zur Metapher für die Seelenlandschaft wurde und der sein Formrepertoire erhabener Weltregionen nur zu gern um die zerklüfteten Eisabbrüche der Arktis erweiterte...“[ix] Stattdessen ist die Bilderfolge von Broken Line fest in Ort und Zeit verankert. Ausnahmslos sind die fotografischen Arbeiten mit den konkreten GPS-Daten der Breiten- und Längengrade sowie mit Monats- und Jahresangaben versehen. So groß die Unsicherheiten vor Ort gewesen sein mögen – der Großteil der Aufnahmen entstand irgendwann in den nächtlichen Stunden zwischen 22 Uhr und 6 Uhr Ortszeit, in denen diffuse Lichtsituationen die umhertreibenden Eisberge in pastellartig anmutende Farbtöne tauchten - so objektiv sind die aufgeführten Koordinaten, die konkrete Vergleichswerte ermöglichen. Ihre Aussage ist so nüchtern wie erschreckend. Schau nur hin, postuliert diese Art der Fotografie, die Szenerie wird sich unwiderruflich verändern!

Above Zero

Es verwundert kaum, dass das Folgeprojekt Above Zero, das Olaf Otto Becker in den Sommermonaten 2007 und 2008 ebenfalls in Grönland realisieren konnte, seinen Ursprung in einer weiteren Wahrnehmungsirritation hatte. Diesmal handelte es sich um einen Blick aus dem Fenster eines Flugzeugs, der dem Künstler auf der Rückreise eine unerwartete Sicht auf den grönländischen Subkontinent eröffnete. Was er sah, hatte er in dieser Form noch nie gesehen. Auf der zum Teil über 1.000 m hohen Eisdecke des Landes waren aus der Vogelperspektive gewaltige Flussläufe und Seen erkennbar, deren Entstehung zweifellos aus der globalen Klimaerwärmung resultierte. Wie sah es dort aus? Wie hatte man sich diese merkwürdig durchmischte Eis- und Wasserlandschaft vorzustellen? Konnte man dorthin gelangen? Nachdem Becker die kartografischen Koordinaten einer bestimmten Region östlich des Equigletschers mit Satellitenfotografien, die ihm von der NASA zur Verfügung gestellt wurden, erfasst hatte, machte er sich mit einem Begleiter Georg Sichelschmidt auf, die unbekannte Landschaftsszenerie auf dem Festlandeis fotografisch zu dokumentieren. Gegenüber dem Broken-Line-Projekt galt diesmal die Vorgabe, überhaupt erst Bilder zu finden, da von dieser Region weder fotografische und malerische Vorbilder noch überhaupt bildhafte Vorstellungen existierten. Auch dieses Unternehmen stellte sich als ein zum Teil lebensgefährliches Wagnis heraus, das vor allem wegen der Porosität der schmelzenden Eisfelder zahlreiche Unwägbarkeiten und Gefahren barg. Bei einer Wegstrecke von 450 km Gesamtlänge gestaltete sich das 190 kg schwere Equipment, das nur aus eigener Kraft transportiert werden konnte, als die größte Herausforderung.

Abermals wurde die Expedition von einschneidenden Wahrnehmungsirritationen begleitet. An einem Tag registrierte etwa ein Thermometer, das im Zelt installiert war, einen Spitzenwert von über +36°C. Vor Ort gestaltete sich der Schmelzprozess entsprechend dramatisch. Bachläufe, die sich spektakulär zu tosenden und von Canyons flankierten Flussläufen verbreiten, versackten an einem bestimmten Punkt in die unterirdische Eismasse, um an anderer Stelle wieder in einen See zu münden. Die entstandenen Bilder geben erstmals eine bildhafte Vorstellung und eine Ahnung davon, wie maßstabslos sich der Schmelzprozess für menschliche Dimensionen gestaltet. So nüchtern wie formschön die bildhaften Zeugnisse dieser Expedition in den Bildresultaten auch daherkommen, so erschreckend sind sie in den spezifischen Parametern, die das Auge zu erkennen vermag. In diesem dialektischen Schauder mag man den eigentlichen Wert des Projekts Above Zero ausmachen. Zumal die Bilddokumente wiederum mit den Koordinaten der Längen- und Breitengrade gekennzeichnet sind, die die mediale Qualität, in Ort und Zeit konkret fassbare Phänomene zu visualisieren, nochmals zu unterstreichen vermögen.[x]

Zu den Irritationen, mit denen Olaf Otto Becker auf seinen jüngsten Festlandreisen konfrontiert war, zählte nach eigenem Bekunden, dass weite Teile der Eisoberfläche tatsächlich von jenen eingangs erwähnten schwarzen Kohlestoffpartikeln verdreckt waren. Durch die stärkere Absorbierung hatten sie sich zu lochartigen Mulden vergrößert. In fast surrealistischer Manier wirken sie in der Aufnahme von Olaf Otto Becker wie ein Meer von abertausenden schwarzen Augen, die auf unheimliche Weise auf den Betrachter zurückblicken. Es fällt schwer, hierin kein Sinnbild zu erkennen.

Christoph Schaden, 2009

 

[i] Reinhard Wolff, Grauer Schleier über Grönland, in: die tageszeitung, 23.9.2008, S. 9.

[ii] Auf auditivem Wege erkundet beispielsweise der in Krailing lebende Tonkünstler Kalle Laar neuerdings die Eis- und Schneeschmelze von Grönland. Siehe http://www.soundmuseum.com/who.htm.

[iii] Monika Faber konstatiert, was das Sujet der Arktis anbelangt, etwas unspezifisch in der künstlerischen Gegenwartsfotografie „eine Annäherung an das romantisch und pathetisch besetzte Naturbild in gebrochener Form“. Faber, Monika: Der Heroismus des Eises, in: Die Weite des Eises. Arktis und Alpen 1860 bis heute, hrsg. von Monika Faber, Ausstellungskatalog der Albertina Wien, Ostfildern 2008, S. 77.

[iv] Olaf Otto Becker, Unter dem Licht des Nordens. Island 1999-2005. Köln 2005.

[v] Siehe ausführlich Fergus Fleming, Neunzig Grad Nord. Der Traum vom Pol, Hamburg 2003, S. 45.

[vi] Gerry Badger, Sehnsucht nach dem eisigen Norden – Die Grönlandfotografien von Olaf Otto Becker, in: Olaf Otto Becker, Broken Line. Greenland 2003-2006, Ostfildern 2007, S. 15.

[vii] Ebenda

[viii] Christoph Schaden, Wege und Linien in: Olaf Otto Becker 2007 [Anm. 6], S. 145.

[ix] Freddy Langer, Vor Eisbergen wird gewarnt, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6.12.2007, S. R 8.

[x] In kontrapunktischer Setzung hat Becker auf den beiden Reisen auch Aufnahmen der Forschungsstation Swisscamp und des Touristenausgangspunkts Point 660 gemacht. Zum Zeitpunkt der Niederschrift des Textes war indes noch nicht klar, ob und inwieweit diese Bilder für das Buchprojekt Above Zero, das 2009 erscheinen wird, berücksichtigt werden.

Olaf Otto Becker

Text erschienen in:

66°30’ Nord. Luftschiffe über der Arktis

Ausst.-Kat. Zeppelin Museum Friedrichshafen

Friedrichshafen 2009, S.187-194

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